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Blick über den Tellerand: Warum Paris plötzlich als Klimavorreiter gilt

Paris verbinden viele mit dichter Bebauung, viel Verkehr, wenig Grün und im Sommer mit extremer Hitze. Umso bemerkenswerter ist, dass die französische Hauptstadt heute international immer häufiger als Beispiel für klimafitte Stadtentwicklung genannt wird.
Katharina Weidinger
Ansicht auf Paris mit Eiffelturm, Wasser, Bäumen und den Gebäuden

Ansicht auf Paris mit Eiffelturm, Wasser, Bäumen und den Gebäuden

© Adobe Stock

Ganz plötzlich kam dieser Wandel allerdings nicht. Paris verfolgt bereits seit 2007 eigene Klimapläne. In den vergangenen zehn Jahren ist die Transformation aber zunehmend im Stadtbild angekommen: auf Straßen, Plätzen, Schulhöfen und inzwischen auch in den Regeln für neue und bestehende Gebäude.

2025 wurde Paris erneut in die A-List des internationalen Umwelt-Ratings CDP aufgenommen. Gleichzeitig zeigen die Zahlen, dass sich tatsächlich etwas verändert hat: Der gesamte CO₂-Fußabdruck der Stadt ist zwischen 2004 und 2023 um rund 34 Prozent gesunken. Bei den lokalen Emissionen lag der Rückgang seit 2004 bei rund 31 Prozent.

Die sichtbarste Veränderung findet auf der Straße statt

Kaum irgendwo wird der Pariser Wandel so deutlich wie beim Verkehr. Über rund zwei Jahrzehnte hat sich der Autoverkehr innerhalb von Paris etwa halbiert. Die Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors sind seit 2004 nach Angaben der Stadt um rund 60 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig wurde massiv in Radinfrastruktur investiert. Ende 2025 verfügte Paris über rund 1.607 Kilometer Fahrradinfrastruktur. Die Nutzung der Radwege stieg zwischen 2020 und 2025 um 47 Prozent. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung beim täglichen Arbeitsweg: Laut französischem Zensus nutzen inzwischen 10,1 Prozent der erwerbstätigen Pariser das Fahrrad, während 9 Prozent mit dem Auto fahren.

Aus ehemaligen Autoflächen werden zunehmend Radwege, Fußgängerbereiche und Grünräume. Mehr als 300 sogenannte „Rues aux enfants“ wurden rund um Schulen bereits verkehrsberuhigt oder für den Autoverkehr geschlossen. Diese Maßnahmen wirken auch auf die Luftqualität. Eine Analyse des unabhängigen Luftqualitätsinstituts Airparif zeigt, dass die durchschnittliche Belastung der Pariser Bevölkerung mit Stickstoffdioxid zwischen 2012 und 2022 um etwa 40 Prozent zurückging. Rund 80 Prozent dieser Verbesserung führt Airparif auf Maßnahmen im Verkehrsbereich zurück.

Vom Parkplatz zum Stadtwald

Parallel dazu arbeitet Paris daran, eine der dichtesten Städte Europas stärker zu begrünen. Ein besonders sichtbares Beispiel ist die Place de Catalogne. Wo früher eine weitgehend asphaltierte Verkehrsfläche lag, stehen heute 470 Bäume auf rund 4.000 Quadratmetern neu geschaffener Grünfläche. Weitere sogenannte Stadtwälder entstanden unter anderem vor dem Hôtel de Ville und am Place du Colonel-Fabien. Bis 2040 sollen insgesamt 300 zusätzliche Hektar Grünflächen öffentlich zugänglich werden. Gleichzeitig sollen bis 2050 40 Prozent des Stadtgebiets wasserdurchlässig gestaltet sein. Für Paris ist das weit mehr als Stadtverschönerung. Die französische Hauptstadt gehört aufgrund ihrer hohen Bebauungsdichte und starken Versiegelung zu den europäischen Städten, die besonders anfällig für sommerliche Überhitzung sind. Eine 2026 in npj Urban Sustainability veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Stadtteile mit mehr Vegetation ein geringeres hitzebedingtes Sterberisiko aufweisen. Die Forschenden empfehlen deshalb, Begrünung zu einem zentralen Bestandteil der Hitzeanpassung von Paris zu machen. Grünraum wird damit zur Gesundheits- und Klimainfrastruktur.

Besonders interessant für die Immobilienwirtschaft: der bioklimatische Bebauungsplan

Die möglicherweise langfristig wichtigste Veränderung findet weniger sichtbar statt. Paris hat Ende 2024 einen bioklimatischen Stadtentwicklungsplan – den Plan Local d’Urbanisme bioclimatique, kurz PLUb – beschlossen. Er gibt für die kommenden Jahre vor, wie in Paris gebaut, saniert und entwickelt werden darf. Für die Immobilienbranche sind einige Grundsätze bemerkenswert.

Die Sanierung bestehender Gebäude soll künftig Vorrang haben. Die Stadt beschreibt die Rehabilitation des Bestands als neue Norm und Abriss als Ausnahme. Materialien sollen wiederverwendet und CO₂-arme Baustoffe stärker eingesetzt werden. Reine 100-Prozent-Betonkonstruktionen werden eingeschränkt, während unter anderem Holz, Naturstein, Hanf und Lehm gefördert werden.

Auch Dachflächen bekommen neue Aufgaben: Begrünung und erneuerbare Energie sollen stärker integriert werden. Bei Projekten über 1.000 Quadratmetern ist die Produktion erneuerbarer Energie vorgesehen. Gleichzeitig werden Vorgaben für Fahrradabstellflächen, Entsiegelung und Begrünung verschärft. Damit verknüpft Paris Stadtentwicklung und Klimapolitik unmittelbar mit Immobilienentwicklung.

Was Wien und die Immobilienbranche daraus mitnehmen können

Viele der Maßnahmen sind für Wien keineswegs neu. Wien verfügt über ein sehr gutes öffentliches Verkehrsnetz, große Grünflächen, geförderten Wohnbau und eigene Strategien zur Klimaanpassung. Paris zeigt allerdings sehr anschaulich, was passiert, wenn unterschiedliche Maßnahmen über viele Jahre konsequent miteinander verbunden werden.

Verkehrspolitik schafft Flächen für Begrünung. Begrünung reduziert Hitze. Verkehrsreduktion verbessert die Luftqualität. Gebäudesanierung senkt Energieverbrauch und Emissionen. Stadtplanung schafft wiederum Regeln, damit zukünftige Immobilien stärker auf Hitze, Mobilität und Ressourcenschonung reagieren.

Genau an dieser Stelle wird die Entwicklung für die Immobilienwirtschaft interessant. Die Qualität einer Immobilie hängt zunehmend auch davon ab, wie gut ihr Umfeld mit Hitze, Mobilität und Grünraum umgehen kann. Gleichzeitig steigt der regulatorische Druck auf Gebäude selbst. Bestandserhalt, sommerlicher Wärmeschutz, Begrünung, erneuerbare Energie, Fahrrad-Infrastruktur und CO₂-arme Materialien werden stärker Teil der normalen Projektentwicklung.

Paris ist noch lange nicht am Ziel

Zum Bild eines Klimavorreiters gehört allerdings auch, die Schwachstellen zu benennen. Die lokalen Emissionen der Stadt stagnierten zuletzt zwischen 2022 und 2023. Besonders beim tertiären Gebäudesektor liegt Paris hinter seinem eigenen Klimapfad. Nach Angaben der Stadt müsste sich dessen Dekarbonisierungstempo bis 2030 etwa verzehnfachen, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Der aktuelle Klimaplan sieht bis 2030 gegenüber 2004 eine Reduktion des gesamten CO₂-Fußabdrucks um 40 Prozent und der lokalen Treibhausgasemissionen um 50 Prozent vor. Gleichzeitig soll der Energieverbrauch um 35 Prozent sinken.

Paris ist also weniger deshalb interessant, weil die Stadt ihre Klimaprobleme bereits gelöst hätte. Interessant ist, wie konsequent sie begonnen hat, Stadtplanung, Verkehr, Gebäude, Grünraum und Gesundheit als zusammenhängende Aufgabe zu behandeln. Und vielleicht liegt genau darin der wichtigste Blick über den Tellerrand: Klimafitte Städte entstehen nicht durch einzelne spektakuläre Projekte. Sie entstehen, wenn viele kleine und große Entscheidungen über Jahre dieselbe Richtung verfolgen.