Clean Construction als die Zukunft der Bauwirtschaft?
23 % der weltweiten Emissionen werden vom Bausektor produziert. Soweit so bekannt. Aber wohnen, arbeiten und leben müssen wir ja trotzdem in Gebäuden. Ein wichtiger Hebel ist vor allem die (Um-)Nutzung und der Ausbau von bereits bestehenden Gebäuden, aber das alleine reicht nicht aus, um den Wohn- und Flächenbedarf abzudecken. Es wird also weiterhin gebaut werden. Die entscheidende Frage ist, wie.
Genau hier setzt Clean Construction an. Gemeint ist damit eine Bauweise, bei der die Emissionen und der Ressourcenverbrauch über den gesamten Bauprozess hinweg reduziert werden: von der Entscheidung, ob überhaupt neu gebaut werden muss, über die Auswahl der Baustoffe und die Baustellenlogistik bis zur Wiederverwendung von Materialien und Bauteilen. Ziel dabei ist es die Emissionen so gut wie möglich zu reduzieren.
Das internationale Städtenetzwerk C40 Cities definiert Clean Construction breit. Dazu gehören die Sanierung und Umnutzung bestehender Gebäude, eine möglichst kreislauffähige Bauweise, CO₂-ärmere Materialien, transparente Lebenszyklusanalysen und zunehmend auch emissionsfreie Baumaschinen. Die am C40 Clean Construction Accelerator beteiligten Städte wollen die grauen Emissionen neuer Gebäude, großer Sanierungen und Infrastrukturprojekte bis 2030 um mindestens 50 Prozent reduzieren. Baustellen sollen dort, wo die Technologie verfügbar ist, ebenfalls emissionsfrei werden.
Warum wir auch über die Baustelle sprechen müssen
In den vergangenen Jahren lag der Fokus der Immobilienwirtschaft stark auf dem Energieverbrauch fertiger Gebäude. Dämmung, Heizsysteme, Photovoltaik und Energieeffizienz bleiben zentrale Themen. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass ein erheblicher Teil der Klimawirkung bereits entsteht, bevor das Gebäude genutzt wird.
C40 beziffert den Anteil des Bausektors auf mehr als 23 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Gleichzeitig werden mehr als 30 Prozent der globalen Ressourcen durch den Sektor verbraucht. Dazu gehören die Herstellung von Beton und Stahl genauso wie Materialtransporte, Aushub, Abbruch und der Betrieb schwerer Maschinen auf der Baustelle.
Clean Construction setzt deshalb an vielen kleinen aber auch großen Stellen gleichzeitig an. Beton kann zum Beispiel mit geringerem Klinkeranteil hergestellt werden. Recyclingmaterialien können Primärrohstoffe ersetzen. Bauteile können aus bestehenden Gebäuden ausgebaut und wiederverwendet werden. Transporte können besser geplant und reduziert werden. Und dieselbetriebene Bagger, Walzen oder Baustellenfahrzeuge können schrittweise durch elektrische Alternativen ersetzt werden.
Aus Sicht der Städte geht es gerade in dicht bebauten Gebieten geht es dabei auch um Lebensqualität. Weniger Dieselmaschinen bedeuten weniger lokale Abgase und weniger Lärm für Anwohner:innen und Arbeiter:innen. Auch die Stadt Wien nennt geringere Luftschadstoffe und Baustellenverkehre ausdrücklich als positiven Effekt ökologischer Beschaffung.
Die Rolle der öffentliche Hand
Eine wichtige Rolle werden in den kommenden Jahren Städte, Gemeinden und andere öffentliche Auftraggeber spielen. Sie bauen Schulen, Kindergärten, Straßen, Wohnanlagen, Krankenhäuser und Infrastruktur und verfügen damit über eine enorme Marktmacht.
Die Vorgaben in öffentlichen Ausschreibungen können darüber entscheiden, ob sich neue Technologien und Materialien schneller etablieren. Wenn emissionsarme Baustoffe, Lebenszyklusanalysen, Recyclingquoten oder elektrische Baumaschinen regelmäßig gefordert werden, entsteht eine verlässliche Nachfrage. Für Hersteller und Bauunternehmen wird es dadurch wirtschaftlich interessanter, in entsprechende Produkte und Maschinen zu investieren.
C40 sieht die öffentliche Beschaffung genau deshalb als einen der zentralen Hebel von Clean Construction. Kommunen sollen beispielsweise Lebenszyklusanalysen bei eigenen Projekten verlangen, ressourceneffiziente Planung und CO₂-ärmere Materialien stärker berücksichtigen und emissionsfreie Baumaschinen schrittweise in ihre Ausschreibungen aufnehmen. Postiv: Neue Lösungen werden günstiger und leichter verfügbar, wenn sie regelmäßig nachgefragt werden.
Eine Stadt, die international als Vorreiter gilt, ist Oslo. Die Stadt hat Anforderungen an emissionsarme und emissionsfreie Baustellen über Jahre hinweg sukzessive verschärft. Die langfristig planbare öffentliche Nachfrage hat dort dazu beigetragen, einen Markt für elektrische Baumaschinen aufzubauen.
Wie macht’s Wien?
Auch die Stadt Wien testet bereits, wie die Baustelle der Zukunft aussehen kann. Im März 2025 starteten die Stadt Wien, die Wirtschaftskammer Wien und PORR zwei Pilotprojekte im 14. Bezirk für eine CO₂-neutrale Baustelle. Bei der Erneuerung von Wasserleitungen kamen unter anderem elektrische Bagger, Walzen, ein elektrischer Asphaltfertiger und E-Fahrzeuge zum Einsatz. Die Baustellencontainer wurden mit Ökostrom versorgt und für die Verfüllung kam Betonrecycling zum Einsatz. Die TU Wien begleitete das Projekt wissenschaftlich und untersuchte unter anderem, wie gut sich die elektrischen Maschinen im realen Baustellenbetrieb bewähren.Aber wichtig ist, dass aus Pilotprojekten Standardprozesse werden.
Mit ÖkoKauf Wien gibt es dafür bereits ein Instrument. Die Stadt berücksichtigt seit Jahren ökologische Kriterien bei ihrer Beschaffung. Die aktuelle Programmperiode 2025 bis 2027 legt einen besonderen Schwerpunkt auf Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft. Kriterien für Baumaterialien und Bauleistungen können direkt in Ausschreibungen übernommen werden.
Für Kommunen bedeutet Clean Construction daher vor allem, Nachhaltigkeit möglichst früh in Vergaben und Projektplanung zu integrieren.Es braucht nachvollziehbare Anforderungen an den CO₂-Fußabdruck von Baustoffen, mehr Lebenszyklusbetrachtungen und klare Kriterien für Recycling und Wiederverwendung. Bei geeigneten Projekten können emissionsfreie oder emissionsarme Baumaschinen bereits heute Teil der Ausschreibung sein.
Gleichzeitig muss auch die entsprechende Infrastruktur mitgedacht werden. Eine elektrische Großbaustelle braucht ausreichend Netzleistung und passende Ladepunkte. Gerade Kommunen und Infrastrukturbetreiber können hier frühzeitig Voraussetzungen schaffen. Wichtig ist außerdem Planungssicherheit. Wenn Bauunternehmen wissen, dass öffentliche Auftraggeber in fünf Jahren regelmäßig emissionsfreie Baustellen verlangen werden, können sie ihren Maschinenpark anders planen als bei einzelnen Pilotprojekten.
Und was bedeutet Clean Construction für private Bauunternehmen?
Auch für private Unternehmen wird das Thema zunehmend wirtschaftlich relevant. Wer heute Erfahrungen mit elektrischen Baumaschinen, CO₂-armen Baustoffen, Recyclingmaterialien und Kreislaufwirtschaft sammelt, baut Kompetenzen auf, die bei zukünftigen Projekten und Ausschreibungen stärker gefragt sein werden.
Materialien. Umweltproduktdeklarationen, CO₂-Kennwerte und die Herkunft von Baustoffen werden bei der Projektentwicklung zunehmend relevant. Gleichzeitig lohnt sich die Frage, welche Bauteile erhalten, wiederverwendet oder aus Sekundärrohstoffen hergestellt werden können. Auch bessere Baustellenlogistik gehört dazu. Weniger Leerfahrten, optimierte Materiallieferungen und digitale Planung sparen Ressourcen und damit häufig auch Kosten.
Clean Construction bietet Bauunternehmen somit einen Innovations- und Wettbewerbsthema für die Bauwirtschaft.
Die Baustelle wird Teil der Nachhaltigkeitsbilanz
Der Neubau der Zukunft wird nicht emissionsfrei sein. Das wäre illusorisch. Dafür sind die Materialmengen und Prozesse im Bau zu groß. Aber die Unterschiede zwischen verschiedenen Bauweisen können erheblich sein.
Ob bestehende Strukturen weiterverwendet werden, welche Materialien zum Einsatz kommen, wie viele Transporte notwendig sind und mit welcher Energie die Baustelle betrieben wird, entscheidet bereits vor der Fertigstellung über einen wesentlichen Teil des CO₂-Fußabdrucks einer Immobilie.
In den kommenden Jahren wird deshalb auch die Baustelle selbst stärker zum Qualitätsmerkmal nachhaltiger Immobilien werden. Was heute noch mit einzelnen kleineren flimafreundlichen Maßnahmen beginnt, könnte schon bald fixer Bestandteil von Ausschreibungen und Bauverträgen sein.
Das heißt also, wenn wir weiterhin bauen müssen (und wir müssen!), sollten wir zumindest deutlich sauberer bauen. Genau darum geht es bei Clean Construction.