Embodied Carbon – auf Deutsch auch als „graue Emissionen“ bezeichnet – umfasst jene Treibhausgasemissionen, die bei der Gewinnung von Rohstoffen, der Herstellung, dem Transport, dem Bau, der Instandhaltung und der Entsorgung von Materialien, also zum Beispiel bei der Errichtung eines Gebäudes, anfallen.
Dazu gehören beispielsweise Emissionen aus:
Embodied Carbon betrachtet damit wesentlich mehr als die Energie, die ein fertiges Gebäude im laufenden Betrieb benötigt, sondern den ganzen Lebenszyklus des Gebäudes.
Für die Klimabilanz von Gebäuden ist eine grundlegende Unterscheidung wichtig. Operational Carbon bezeichnet Emissionen, die während des Betriebs entstehen, etwa durch Heizung, Kühlung, Warmwasser oder Stromverbrauch. Embodied Carbon entsteht hingegen durch die verwendeten Materialien sowie deren Verarbeitung, Transport, Instandhaltung und letztlich Rückbau oder Entsorgung. Zusammen ergeben beide Bereiche die sogenannten Whole Life Carbon Emissions – also die Treibhausgasemissionen über den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie.
Bessere Gebäudehüllen, erneuerbare Energie, Wärmepumpen und moderne Gebäudetechnik können die laufenden Emissionen deutlich reduzieren. Je geringer jedoch die Betriebsemissionen eines Gebäudes werden, desto stärker fallen die Emissionen aus Herstellung und Errichtung relativ gesehen ins Gewicht.
Besonders relevant sind dabei die sogenannten Upfront Carbon Emissions: jene Emissionen, die bereits bei Materialproduktion und Errichtung anfallen, also bevor das Gebäude überhaupt genutzt wird. Diese Emissionen können später nicht mehr „zurückgenommen“ werden. Eine Tonne CO₂, die heute bei der Herstellung von Beton oder Stahl entsteht, ist heute bereits in der Atmosphäre.
Damit rückt eine Entscheidung in den Mittelpunkt, die bisher häufig primär unter technischen, gestalterischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen wurde: Welche Materialien verbauen wir? Besonders emissionsintensive Materialien wie Beton, Stahl und Aluminium können einen erheblichen Einfluss auf die CO₂-Bilanz eines Bauprojekts haben. Das bedeutet nicht, dass bestimmte Baustoffe grundsätzlich vermieden werden müssen.
Entscheidend ist vielmehr ein effizienter und bewusster Materialeinsatz. Wie viel Material benötigen wir tatsächlich? Können bestehende Bauteile erhalten werden? Gibt es emissionsärmere Alternativen? Können Recyclingmaterialien eingesetzt werden? Und lassen sich Bauteile später wiederverwenden? Damit werden Materialeffizienz und Kreislaufwirtschaft zu wesentlichen Bestandteilen einer klimafreundlichen Immobilienstrategie.
Besonders spannend wird die Diskussion rund um Embodied Carbon beim Umgang mit bestehenden Gebäuden. Denn in einem Bestandsgebäude steckt bereits eine große Menge an Energie, Materialien und CO₂. Wird ein Gebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt, beginnt der Materialkreislauf zu einem großen Teil von vorne. Neue Baustoffe müssen produziert, transportiert und verbaut werden. Das macht die Frage „Sanieren oder neu bauen?“ auch zu einer CO₂-Frage.
Der Erhalt bestehender Tragwerke, die Weiterverwendung von Bauteilen oder die Umnutzung bestehender Gebäude können dazu beitragen, neue Emissionen zu vermeiden. Aus dem oft zitierten Prinzip „Abriss und Neubau“ könnte deshalb künftig immer häufiger „Erhalten, weiterentwickeln und wiederverwenden“ werden.
Bislang standen häufig Energieverbrauch und Betriebseffizienz im Vordergrund. Künftig wird zunehmend die gesamte Lebenszyklusbilanz einer Immobilie betrachtet. Das beeinflusst bereits sehr frühe Projektentscheidungen: vom Erhalt bestehender Strukturen über Architektur und Tragwerksplanung bis zur Auswahl von Materialien und Lieferanten.
Für Projektentwickler bedeutet das auch, CO₂-Bilanzen früher in Planungs- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen einzubeziehen. Denn die größten Einsparpotenziale entstehen häufig zu einem Zeitpunkt, an dem wesentliche Entscheidungen noch verändert werden können.
Dass Embodied Carbon kein reines Nachhaltigkeitsthema mehr ist, zeigt auch die europäische Regulierung. Die überarbeitete EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) führt schrittweise die Betrachtung des sogenannten Life-Cycle Global Warming Potential von Gebäuden ein. Dabei werden nicht nur Emissionen aus dem Gebäudebetrieb berücksichtigt, sondern auch jene aus Herstellung und Transport von Bauprodukten, Errichtung, Instandhaltung sowie dem Ende des Gebäudelebenszyklus.
Es gibt nicht die eine Lösung. Vielmehr beginnt CO₂-Reduktion bereits bei grundlegenden Planungsentscheidungen. Bestehende Gebäude und Tragwerke möglichst lange zu nutzen, kann ebenso relevant sein wie materialeffiziente Konstruktionen. Hinzu kommen emissionsärmere Baustoffe, Recyclingmaterialien, regionale Lieferketten und Konstruktionen, die einen späteren Rückbau und die Wiederverwendung einzelner Komponenten ermöglichen.
Eine wichtige Grundlage dafür ist die Lebenszyklusanalyse (Life Cycle Assessment, LCA). Sie macht die Klimawirkung unterschiedlicher Varianten vergleichbar und ermöglicht es, CO₂ ähnlich wie Kosten als messbare Planungsgröße zu behandeln.
Wir bei Grüne Immobilien sind überzeugt: Nachhaltiges Bauen endet nicht bei Energieeffizienz und erneuerbarer Energie. Wenn wir Gebäude ganzheitlich betrachten wollen, müssen wir uns auch damit beschäftigen, welche Ressourcen bereits in ihnen stecken und welche Emissionen entstehen, bevor das Gebäude genutzt wird.
Für Architekt:innen, Projektentwickler:innen, Bauunternehmen, Bestandshalter:innen und Investor:innen wird die CO₂-Bilanz damit zunehmend zu einer der wichtigsten Entscheidungsgröße neben Kosten, Qualität und Zeit. Auch für die Finanzierung kann das zukünftig entscheidend werden.
Wichtig ist uns dabei zu betonen: Nicht zwangsläufig das neueste Gebäude, das mit der neuesten Technik gebaut wurde, ist das nachhaltigste, sondern jenes, das vorhandene Ressourcen möglichst intelligent nutzt, möglichst wenig neue Emissionen verursacht und möglichst lange Bestand hat.